In einem Punkt scheint sich die AfD einig zu sein: Die Medien behandeln die Partei unfair und stellen vieles absichtlich falsch dar.
JUNG
PUBLIK traf Krzysztof Walczak, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA). Im Café Paris, unweit des Hamburger Rathauses, spricht er mit uns über Nationalstolz, Sexismus und den Islam. Das Interview ist lang geworden und beschäftigt sich intensiv mit den konkreten Forderungen der AfD und JA. Einige Antworten sind vielleicht in ihrem Umfang eher untypisch für publizierte Gespräche. Doch es ist wichtig, genau zuzuhören, um die AfD – und ihren Nachwuchs – einordnen zu können.

JUNGPUBLIK: Herr Walczak, was bewegt einen jungen Menschen wie Sie, in die AfD einzutreten?

Walczak: Die AfD spiegelt meine politische Meinung am besten wider. Ich habe früher immer die CDU gewählt, weil ich mich selbst als Konservativen verstehe. Die CDU vertritt aber keine konservativen Positionen mehr und deswegen ist die AfD meine Partei. Ich glaube auch, dass es schon aus einem staatsbürgerlichen Ethos heraus wichtig ist, sich politisch zu engagieren.

Ihrer Partei schlägt sehr viel Hass entgegen. Können Sie das verstehen?

Walczak: Ich kann nachvollziehen, warum es ihn gibt. Man hat immer dann zu kämpfen, wenn man als Außenseiter eine Meinung hat, die deutlich vom Mainstream abweicht. Historisch sei als Beispiel die 68er-Generation genannt – in den 50er oder 60er Jahren politisch links zu stehen war sicherlich genauso schwer, wie sich heutzutage zur AfD zu bekennen. Wir leben jedoch in einer demokratischen, liberalen Gesellschaft. Darum finde ich den unfassbaren Hass gegenüber meiner Partei, der sogar bis zur Gewalt reicht, vollkommen ungerechtfertigt.

Sie nennen als Beispiel die 68er-Generation. Würden Sie die historische Parallele ziehen und sagen, dass wir in Deutschland in Zeiten des Umbruchs sind?

Walczak: Ich bin als Konservativer immer sehr vorsichtig, irgendwelche Revolutionen an die Wand zu malen. Aber ich würde schon sagen, dass wir vor einer Wende des Zeitgeistes stehen – einer friedlichen Wende. Die politischen Übertreibungen der 68er-Revolution werden langsam wieder eingehegt.

Wie sieht diese Wende aus?

Walczak: Menschen beginnen politische Sachverhalte, die sie lange für selbstverständlich gehalten haben, zunehmend zu hinterfragen. Nehmen Sie nur als Beispiel den Nationalstolz. In Deutschland war Patriotismus über Jahrzehnte hinweg keine zulässige politische Kategorie. Ich glaube, die patriotische Grundstimmung, die zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 herrschte, überträgt sich mittlerweile auch in den politischen Bereich. Das ist auch richtig so. Kein anderer Staat hat so ein verkrampftes Verhältnis zur eigenen Nationalität wie Deutschland.

Krzysztof Walczak, geboren 1994 in Toruń (Polen), ist Student der Rechtswissenschaft an der Bucerius Law School in Hamburg und engagiert sich seit dem Jahr 2014 in der AfD. In der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA) hat er in Hamburg die Position des Landesvorsitzenden inne, zudem ist er stellvertretender Bundesvorsitzender.
In der JA gilt Walczak, genauso wie der JA-Bundesvorsitzende Markus Frohnmaier, als Vertreter des nationalkonservativen Flügels.

Was bedeutet Deutschland für Sie?

Walczak: Ich bin als Migrant mit meinen Eltern nach Deutschland eingewandert. Deutschland ist für mich in erster Linie eine Hochkultur. Wir haben ein unglaubliches soziales Sicherungssystem und einen unbeschreiblichen Wohlstand. Wir haben Freiheit – Pressefreiheit und Meinungsfreiheit. Das gibt mir als Individuum die Chance, mich selbst zu „verwirklichen“ – um mal eine beliebte Floskel der Linken zu verwenden.

Was ist so wichtig an Nationalstolz in solch einer globalisierten Welt?

Walczak: Nationalstolz ist zum einen wichtig dafür, dass wir die Hochkultur, von der ich sprach, bewahren können. Zum anderen hat es derjenige, der eine gefestigte Identität vorweisen kann, deutlich leichter, Fremden oder etwas Unbekanntem gelassen gegenüberzustehen.
Wenn man sich zum Beispiel die Islamdebatte vor Augen führt, wäre das Problem wesentlich geringer, wenn viele Deutsche ganz genau wüssten, was es überhaupt bedeutet, deutsch zu sein. Viele Deutsche wissen das heutzutage nicht mehr. Dadurch haben wir gewaltige Probleme – insbesondere mit dem Islamismus und mit der Einwanderung. Wenn es nämlich kein Leitbild gibt, dem man sich anpassen kann, ist Integration per se unmöglich.

Meinen Sie, mit einer von Nationalstolz geprägten Identität ist es wirklich einfacher, etwas Fremdes aufzunehmen?

Walczak: Ja, definitiv. Mit dem Islam assoziieren Sie sofort einen spezifischen Identitätskern, Sie verknüpfen damit eine ganz bestimmte Art und Weise zu leben, die sich in einer religiösen Praxis niederschlägt. Das geht sogar bis zur Kleidung; das Kopftuch wird beispielsweise automatisch mit dem Islam assoziiert. Wenn Sie sich jetzt einen Bayer vorstellen, mit einer sehr gefestigten bayerischen Identität, der sieht, dass es immer mehr Kopftücher gibt, dann ist das für ihn vielleicht unbedeutender, weil er weiß: „Ich bin hier ein Bayer, ich trage meine Trachten. Alles ganz locker.“

Wenn man seine bayerischen Traditionen pflegt und einem plötzlich etwas Neues begegnet – fühlt man sich dann nicht erst recht in seiner Identität bedroht?

Walczak: Schauen Sie sich mal an, wo es die größten Integrationsprobleme in Deutschland gibt. Die gibt es nicht in Bayern, sondern in sehr schnelllebigen Großstädten, wo Menschen wenige Bindungen, Traditionen, Sitten und Gebräuche haben und deshalb oft identitätslos sind. Es spricht, meiner Meinung nach, sehr viel für die These, dass eine gefestigte Identität zu einem lockeren Umgang mit dem Fremden führt.

Ist man bei so viel eigener Tradition überhaupt noch offen für etwas Neues?

Walczak: Ja. Sie können ja nur offen für etwas Neues sein, wenn Sie selbst einen Bezugspunkt haben. Wenn Sie in der Welt überhaupt keinen Bezugspunkt haben und nur eine Form von beliebigem „Multikulti-Mischmasch“ inhalieren, dann hat das keine Substanz.

Ihr Parteikollege Markus Frohnmaier, der Bundesvorsitzende der JA, wird im „Tagesspiegel“ mit den Worten zitiert: „Wir müssen Politik machen wie die ‚Bild-Zeitung’ schreibt. Einfach, direkt, für die Menschen.“ Ist das auch Ihre Meinung?

Walczak: Ja, absolut.

Große Schlagzeilen, wenig Inhalt – ist das nicht plump und leer?

Walczak: Herr Frohnmaier hat nicht über die Inhalte der Politik gesprochen, sondern wie man sie vermitteln sollte. Mit jeder unserer „Schlagzeilen“ haben wir uns natürlich intellektuell auseinandergesetzt. Wir fragen uns aber auch, wie wir es schaffen können, politische Inhalte zu transportieren. Und das schafft man nicht, indem man so uncool wie die Altparteien kommuniziert. Man muss die Leute an ihren Emotionen packen, man muss vereinfachen. Wenn Sie den Anspruch haben, sich von A bis Z mit einem Thema auseinanderzusetzen, müssen Sie zwangsläufig ein Universitätsseminar aufsuchen. Das kann politische Kommunikation nicht leisten.

Das klingt so, als würden Sie Ihrer potentiellen Wählerschaft absprechen, komplexe Sachverhalte aufnehmen zu können.

Walczak: Nein, das spreche ich ihr nicht ab. Es ist immer eine Frage des Publikums und der Situation. Wenn Sie sich unser Parteiprogramm durchlesen, finden Sie alles ausführlich erläutert. Es steht jedem frei, sich das anzuschauen. Das Problem ist aber, dass der Anteil an Leuten, die sich tagtäglich für Politik interessieren, vielleicht bei 10 Prozent liegt. Deshalb muss man die Leute dort abholen, wo sie stehen – und im Zweifel stehen sie eben nicht bei uns, bei irgendeiner Infoveranstaltung, wo wir zwei Stunden lang über ein bestimmtes Thema in aller Ausführlichkeit reden, sondern hören sich stattdessen in der „Tagesschau“ einen zehnsekündigen O-Ton an, in dem knackig auf den Punkt gebracht werden muss, was wir politisch für richtig halten.

Die JA sagt selber, dass sie provozieren möchte. Ein Beispiel hierfür sind die sexistischen Wahlplakate im Rahmen Ihrer Anti-Feminismus-Kampagne.

Walczak: Ich würde Sie erstmal fragen, was daran sexistisch ist.

Sie versuchen, Ihre politischen Inhalte durch sexuelle Anspielungen zu bewerben. Eine leicht bekleidete Frau hat nichts mit Ihren politischen Forderungen zu tun.

Walczak: Die Intention der Kampagne war, auf das äußerst puritanische Diskussionsklima in Deutschland einzugehen. Heiko Maas – unser liebster Justizminister– möchte jetzt zum Beispiel sexistische Werbung verbieten. Das ist für mich eine Form der Diskursunfähigkeit und auch eine Form von Illiberalität, gegen die ich mich entschieden wende. Was spricht denn dagegen, eine schöne Frau in der Werbung zu zeigen – gerne auch mit mehr Haut? Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!

Es ist also keine Diskriminierung der Frau, wenn auf einem Ihrer Plakate zum Erneuerbare-Energien-Gesetz steht, dass sie keine Saugkraft mehr habe?

Walczak: Nein. Durch dieses Plakat wurden zwei politische Inhalte transportiert: Einerseits, dass wir gegen das EEG sind und, andererseits, dass wir uns gegen politische Korrektheit wenden. Wir haben genau diese Reaktion vorausgesehen, dass Moralapostel und Puritaner uns erzählen würden, so ein Plakat gehe nicht an, weil das sexistisch sei. Natürlich ist das eine gezielte Provokation, aber ich würde nachdrücklich bestreiten, dass dadurch per se alle Frauen abgewertet werden. Sie meinen vermutlich: Es könnte möglicherweise Frauen geben, die unsere Plakate nicht schön finden oder die sich sogar beleidigt fühlen. Dem würde ich jedoch entgegnen, dass das die Gefahr einer offenen Gesellschaft ist: Meinungen zu hören und Plakate zu sehen, die einem nicht passen. Die JA hat übrigens auch genug Wahlplakate mit leicht bekleideten Männern gemacht.

Wenn Sie von „Moralaposteln“ sprechen, deuten Sie damit an, dass Sie nicht viel von Moral halten?

Walczak: Ich halte sehr viel von einer echten Moral, aber nichts von einer Pseudo-Moral, die in sich nicht schlüssig und damit unbegründet ist. Ich verwehre mich beispielsweise immer dagegen, die eigenen politischen Ansichten zu einer Moral zu stilisieren. Ich würde nie behaupten, dass eine Person unmoralisch sei, weil sie meine politische Meinung nicht teilt.

Nach den Brüsseler Attentaten forderte die JA, dass fortan keine muslimischen Kriegsflüchtlinge in Deutschland mehr aufgenommen werden sollen, weil von ihnen ein potentielles Sicherheitsrisiko ausgehe. Stößt sich das nicht mit Ihrer ursprünglichen Forderung, Kriegsflüchtlingen Asyl zu gewähren?

Walczak: Nein, das stößt sich nicht mit der ursprünglichen Forderung. Die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen ist nicht gleichzusetzen mit einer unbegrenzten Aufnahme von Kriegsflüchtlingen jeglicher Couleur, insbesondere jeglicher Religion. Sie können beispielsweise ein Kontingent an christlichen Kriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten aufnehmen. Das ist ohnehin die gefährdetste Gruppe in der Region, und das fordern auch unsere osteuropäischen Nachbarn vollkommen zu Recht.

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4 Kommentare auf "Krzysztof Walczak (AfD): „Wir stehen vor einer Wende des Zeitgeistes“"


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Ego21
26. Mai 2016 10:24

Ich finde es nicht gut, dass dieser Nicht-Bio-Deutscher Mitglieder JA/AfD ist. Alleine schon deswegen, weil er aus einem Land stammt, aus dem viele Autoschieberbanden kommen.

fine
1. Juni 2016 1:09

Ein gebürtiger Pole erklärt Deutschen, was die 68 er Revolution(?) war und was deutsche Hochkultur( Rechtsradikale Parteien wie NPD und AfD, Seximus, Übergriffe auf Asylheime etc) ist. Und faselt von einer Wende des Zeitgeistes..Sorry, aber merken die AfD ler eigentlich nicht, wie lächerlich sie sind?

w.liebrand
1. Juni 2016 6:05

Sollten Ariër nicht Blond sein und blaue augen haben ab nach Polen damit.

[…] zu um ein Interview gebeten zu werden. Gesagt, getan – ich habe zwei Jungjournalisten aus Hamburg ein Interview gegeben. Soweit alles […]

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