Der YouTuber ApoRed hat zugeschlagen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dem einstigen Gamer ist ein kleiner Star geworden, der langsam aber sicher sämtlicher Realität und Verantwortung entflieht. Die Schonfrist für all die erfolgreichen Online-Videoproduzenten ist vorbei – endgültig.

„Die Frage ist: Was ist passiert? Was hat jetzt Red wieder angerichtet? Digga was? Digga was?! Digga was?!“

Für den Anfang einfach mal wirken lassen.

Was ist passiert? Es ist noch gar nicht so lange her, da erblickte der YouTuber „ApoRed“ alias „Der Echte“ (wer auch sonst?) das grelle Licht der YouTube-Welt. Ganz unschuldig, ohne den Anspruch, das Land mit gefühlvollen „Diggas“ zu überziehen und sich als Fashionikone, Teilzeitmodel und Sprachgenie einen goldenen Thron aus Sneaker zu bauen, auf dem er megalomanisch auf den Zuschauerpöbel herabblicken kann.
Liebevoll kommentierte er wie er ein paar Spielfiguren in „Call of Duty“ abschoss und versetzte das Publikum regelrecht in Ekstase. Das muss irgendwann in den Jahren 2013 und 2014 gewesen sein.
Heute stehen wir vor einem Trümmerhaufen aus Chatroulette-Videos, furchtbar lustigen Pranks und unfassbar wertvollen Tipps für das Leben. Nichts ist geblieben. Die ehemals engelsgleichen Haare sind einem Undercut gewichen und der fesche Modestil ist gegen die Swagbibel ausgetauscht worden. All die alten Videos sind gelöscht und während die UNESCO-Kommission verzweifelt versucht, mit Hilfe von Experten die Filmchen zu rekonstruieren, turnt das einstige Idol munter durch die YouTube-Trends. „Der Echte“ ist jetzt ein richtiger Bad Boy. Klingt ironisch. Ist es nicht.

Im eingangs zitierten Video unterrichtet uns ApoRed von einem Brief der Polizei Bremen. Ihm werde zur Last gelegt, eine Körperverletzung begangen zu haben. Netterweise gesteht der Beschuldigte die ihm vorgeworfene Straftat:

„[…] Ich bin dann halt zu ihm (gemeint ist der Geschädigte, Anm. d. Red.) hingegangen und meinte so: ‚Okay, warte.‘ Und hab ihm dann so eine gescheppert – Booom. Leute, das war – ich muss schon sagen – das war heftig. Ich hab ihm aber keine Faust gezogen, sondern halt ’ne Schelle. Und ja, das hat dafür gesorgt, dass er noch irgendwie aus dem Mund geblutet hat. Ich glaub, seine Lippe ist aufgeplatzt oder irgendwie sowas. Ich hab keine Ahnung. Auf jeden Fall hat er irgendwo geblutet. […]“

Wie kam es dazu? Der Geschädigte hatte ApoRed nach einem verlorenen Freestyle-Battle gesagt, er würde trotzdem seine Mutter ficken. Logisch, da brennen jedem normalen Menschen doch sofort sämtliche Gehirnstränge durch und man schaltet automatisch in den Berserkermodus. Mal ehrlich: So haben wir das doch alle in der vierten Klasse gehandhabt.

Das Problem ist hierbei leider, dass unser YouTube-Prolet schon lange nicht mehr Schüler der Primarstufe ist. Aber mein Gott, das Kind im Manne kommt bei jedem mal durch. Wirklich problematisch wird die ganze Geschichte erst dadurch, dass ApoRed nicht „Jeder“ ist. ApoRed macht über das Ganze ein Video und stößt dabei nicht auf taube Ohren – sondern auf (sehr) junge Menschen, die zu ihm aufschauen und ihn als Vorbild nehmen, ob er will oder nicht. Sein Kanal verzeichnet – sage und schreibe – 1,1 Millionen Abonnenten. Das besagte Video zählt knapp 1 Million Aufrufe. 86.000 Menschen haben es, ohne Androhung von Gewalt oder nachweisbare psychische Schäden, für gut befunden und ihren virtuellen Daumen nach oben gestreckt.

Die Worte eines bekannten YouTubers haben mehr Gewicht als viele glauben mögen. Die Maschinerie der Videoplattform boomt, tausende Fans kaufen Merchandise ihrer Idole und bestreiten ihren Alltag beeinflusst durch YouTuber. Nicht wenige adaptieren Wortwahl und Verhalten ihrer großen Stars und befolgen ihre Ratschläge. Nie war es so leicht, jemandem, zu dem man aufschaut, (zumindest scheinbar) so nah zu sein. Das Argument vieler YouTuber, sie wollen doch keine Vorbildfunktion einnehmen und hätten nie diese Intention gehabt, ist offiziell begraben. Die Bekannten unter ihnen verdienen alle einen Haufen Geld durch ihre Zuschauerschaft. Content wird an junge Zielgruppen angepasst und es werden Ideen entwickelt, wie man den letzten Cent ins Sparschwein stopfen kann.
YouTube ist ein Beruf. Ein Beruf, der vor allem durch junge Menschen getragen wird, denen ein erhöhtes Verantwortungsbewusstsein entgegengebracht werden muss. Die Schonfrist für all die erfolgreichen Videoproduzenten ist vorbei. Sie sind dort angekommen, wo sie hinwollten. Dann müssen sie auch die Konsequenzen tragen.

Zurück zu ApoRed: Der junge Mann wäre, ohne seinen YouTube-Kanal, wahrscheinlich nichts und niemand. Keinen würde es interessieren, wo und wann er sich mit wem auf die Fresse gehauen hat. Es käme zur Gerichtsverhandlung und er würde (angesichts seines „Online-Geständnisses“) schuldig gesprochen werden. Sache der Justiz also.
In dem Video spricht „Der Echte“ sogar davon, sein Gegenüber zur Besinnung geklatscht zu haben.
Merke: Wenn sich jemand in deinen Augen falsch verhält, prügle einfach die ganze Scheiße aus ihm raus. Früher durfte der Lehrer die Kinder auch mit dem Rohrstock schlagen. Blöd, dass das heute als unpädagogisch gilt und unter Strafe steht. Gesetze sind sowieso überbewertet. Wenn jemand einen deiner Angehörigen beleidigt, gib ihm „eine Schelle“, um es so auszudrücken, wie ApoRed es zum Besten gibt.

Ganze 30 Sekunden widmet sich „Der Echte“ dann seinem Schlussplädoyer, in dem er einräumt: „Man muss so etwas nicht immer mit Gewalt lösen“ – um noch im selben Atemzug zu erwähnen, dass er dieses Jahr (!) schon drei Schreiben von der Polizei erhalten habe. Merke auch: Gewalt ist nicht immer eine Lösung, aber zumindest eine gute Option.

Interessant ist übrigens auch die Reaktion seines Netzwerkes TubeOne. Auf die Frage, wie eine solche Person als Partner noch haltbar sei, erhielt JUNGPUBLIK weder telefonisch noch per E-Mail eine Rückmeldung. Es kann aber natürlich sein, dass das Netzwerk einfach zu ausgelastet war mit all den Anfragen zu ihrem (jetzt ehemaligen) Partner Mert Matan, nachdem dieser ein Video mit homophobem Inhalt hochgeladen hatte und nun bemitleidenswert versucht, die ganze Situation irgendwie zu retten.

In diesem Sinne und frei nach ApoRed: „Jeder, der bereit ist zu schießen, muss auch bereit sein, erschossen zu werden.“

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