Michel Abdollahi: „Man muss nicht immer höflich bleiben“

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Michel Abdollahi: „Man muss nicht immer höflich bleiben“

Dieses Interview wurde am 06.04.2016 auf der alten Internetseite von JUNGPUBLIK veröffentlicht und befindet sich seit dem 18.09.2017 im Archiv. Im Text ehemals eingebettete Fotos und Videos sowie Verlinkungen auf Posts in sozialen Netzwerken könnten aus technischen Gründen fehlen. Der Interviewtext ist vollumfänglich unverändert.

Dunkle Jeans, Pullover, Sneaker. Michel Abdollahi winkt. „Moin!“, ruft er. Vom Anzug, den er in seinen Fernsehbeiträgen trägt, ist nichts zu sehen. Abdollahi berichtet, er komme gerade von einem Fototermin.
Auf die Frage, wo wir uns für das Gespräch treffen wollen, hat er ein Café auf St. Pauli vorgeschlagen. Den hausgemachten Chai Latte trinkt er zu Beginn des Interviews – am Ende darf es dann doch ein Bier sein.

 

JUNGPUBLIK: Herr Abdollahi, Sie haben vor Kurzem den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. War’s das jetzt mit Ihrer Poetry Slam-Karriere?

Michel Abdollahi: Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, der Fernsehpreis wird die Bühne bestärken. Ich mache gerne Slam – und das auch längerfristig. Preise ziehen Aufträge nach und das wiederum bringt berufliche Freiheiten mit sich.

Am Poetry Slam hängt also Ihr Herz?

Abdollahi: Wissen Sie, ich liebe die Bühne und ich liebe mein Publikum. Das liegt daran, dass ich meine Stadt und die Künstler gut kenne. Es kann nicht viel schiefgehen. Ich weiß immer ganz genau, was passiert. Es entsteht viel aus Emotionen heraus.

Das bedeutet, dass alles relativ frei ist und es keinen abgesteckten Rahmen gibt. Das ist anders, wenn man beim Fernsehen arbeitet. Dort gibt es redaktionelle Vorgaben. Ist das etwas, was Sie stellenweise einschränkt und Sie deshalb beim Slam hält?

Abdollahi: Es ist toll, einen Rahmen zu haben. Diesen gibt es beim Slam auch, er wirkt nur anders als im Fernsehen. Ich habe in beiden Bereichen meine Freiheiten. Regeln rauben mir Kreativität.

Michel Abdollahi wurde 1981 in Teheran geboren und wuchs in Hamburg-Eidelstedt auf. Er studierte Rechtswissenschaft, Islamwissenschaften und Iranistik und ist seit etwa 16 Jahren in der deutschen Poetry Slam-Szene aktiv; im Jahr 2005 gründete er mit einem Freund die Veranstaltungsreihe Kampf der Künste. Seit 2014 ist er beim Norddeutschen Rundfunk als Reporter tätig. Im Januar 2016 erhielt er u. a. für seinen Filmbeitrag „Im Nazidorf“ („Panorama – Die Reporter“) den Deutschen Fernsehpreis.

Sie haben vor etwa elf Jahren mit „Kampf der Künste“ angefangen. Wie schwer war es, ohne Reputation etwas aufzubauen?

Abdollahi: Damals haben mein Kollege Jan-Oliver Lange und ich das als Hobby betrieben. Es war eine Abwechslung zu unserem normalen Studienleben. Dass sich das plötzlich entwickelt und zu einer großen Sache wird, konnten wir nicht absehen. Erst mit dem Erfolg wurde es richtig schwer, weil wir uns fortan richtig um das Projekt kümmern mussten.

Zurück zu Ihrer Fernseharbeit: Ihre Beiträge bringen Menschen oft zum Schmunzeln…

Abdollahi: …obwohl die Themen ernst sind.

Woran liegt das?

Abdollahi: Das liegt daran, dass ich von der Slam-Bühne komme. Das Unterhalten des Publikums übt einen darin, Leute auch auf der Straße zu unterhalten. Es geht um die Kompetenz, auf Menschen zuzugehen. Das Humorvolle öffnet einem natürlich immer den Weg, aber es darf nicht albern sein, sondern charmant und freundlich.

Ist die Grenze zwischen charmant und albern einfach auszuloten?

Abdollahi: Wenn man die Leute anlächelt, ist es eben netter. Lächeln ist immer gut. Die Frage ist eher, ob man das kann oder nicht. Man versucht etwas und merkt dann, ob es funktioniert. Wenn es gut geht, macht man es immer wieder. Daraus resultiert eine Figur.

Bei einem Beitrag über eine AfD-Veranstaltung in Hamburg ist Ihnen das Lächeln vergangen. Sie sind im Gespräch mit einer älteren Dame aus der Rolle gefallen und sehr ernst geworden.

Abdollahi: Da war ich richtig sauer, weil die Frau Scheiße erzählt hat.
Sie hat mich die ganze Zeit gefragt, wo mein Bombengürtel sei und sagte, dass sie Angst habe, dass jetzt jemand in die Luft gesprengt wird. Ich habe dann das Gespräch mit ihr gesucht – und sie hat Unfug erzählt. Flüchtlinge sollen „ihren Bossen“ einfach mal sagen, dass es so nicht weitergehe. Das haben wir dann ungeschnitten gesendet, etwa 45 Sekunden.
Wenn Leute Scheiße erzählen, muss man nicht höflich bleiben.

Würden Sie sagen, dass Sie mit Ihren Fernsehbeiträgen etwas verändern möchten?

Abdollahi: Jeder Journalist möchte in erster Linie auf etwas aufmerksam machen. Aber etwas zu verändern ist schwierig, das kann man nicht nebenher. Dafür braucht man Reichweite. Die bringt das Fernsehen mit sich. Mein Ziel ist, dass die Menschen nachdenken.

Sie haben auf „Facebook“ geschrieben, dass Sie den Deutschen Fernsehpreis mit Anja Reschke und Dunja Hayali teilen, weil sie für die gleiche Sache kämpfen. Wofür genau?

Abdollahi: Es geht uns darum, etwas aufzuzeigen – ganz im Sinne der Meinungsfreiheit. Die Themen sind zurzeit eben Flüchtlinge, Rechtsradikalismus und Hetze.Ich kann nicht über etwas anders berichten, wenn drüben ein Asylbewerberheim brennt.
Wäre ich in den Neunzigern Reporter gewesen, hätte ich wahrscheinlich auf dem Meer etwas über „Greenpeace“-Aktivisten gedreht.

Ihre Kolleginnen veröffentlichen gelegentlich einige Hassnachrichten, die sie empfangen und…

Abdollahi: … Ich bekomme keine.

Gar nicht?

Abdollahi: Nein, ganz selten. Man darf nicht vergessen, dass Kolleginnen wir Dunja Hayali und Anja Reschke in sehr prominenten Sendungen moderieren. Deshalb schlägt ihnen auch mehr Hass entgegen als mir. Zudem bekommen Männer generell nicht so viel Hass ab wie Frauen, wie auch zahlreiche Studien zeigen. Wenn Hass gegen Männer gerichtet ist, betrifft das Charakterzüge. Beleidigungen gegenüber Frauen sind häufig auch sexueller Natur.
Außerdem kommentiere ich in meinen Beiträgen wenig. Ich sage oft einfach nichts – und das reicht. 

Sie vertrauen darauf, dass Menschen, die fremdenfeindlich sind, sich in Ihren Filmbeiträgen selbst entlarven?

Abdollahi: Genau. Sie bewerten sich selbst, der Zuschauer bewertet sie.
Wir achten bei unseren Beiträgen darauf, dass sie nicht besonders zusammengeschnitten sind. Das, was zu sehen ist, ist wirklich so passiert.

Darf man heutzutage keinen Hass an sich ranlassen, um erfolgreich sein zu können?

Abdollahi: Hass gab es schon immer. Die Leute sind der Auffassung, dass es ein neues Phänomen sei. Das stimmt nicht. Wir haben im Büro Hassbriefe von früher liegen. Das Pöbeln hat sich damals nur fein angehört. Es waren nicht so hässliche Begriffe. Heute hat jeder die Möglichkeit, sich vor seinen PC zu setzen und irgendetwas zu tippen. Es ist aber wichtig, damit umzugehen ohne sich davon irre machen zu lassen.

Sehen Sie Hasskommentare als Bestätigung Ihrer Arbeit?

Abdollahi: Nein, das ist mir egal. Ich gebe nicht so viel auf die Meinung anderer Leute, die ich nicht kenne. Kritik hingegen tut weh. Kritik ist immer unangenehm, egal was man macht. Aber nur daran kann man wachsen.
Menschen, die Hass verbreiten, darf man nicht das Gefühl geben, dass das, was sie schreiben, wichtig ist.

Auch wenn Sie nicht so viele Hassnachrichten empfangen: Haben Sie manchmal Angst, wenn Sie Beiträge über Rechtsextremismus oder Fremdenhass drehen?

Abdollahi: Nein. Auch im Nazidorf hatte ich nur in der ersten Nacht ein mulmiges Gefühl. Bei den Beiträgen, die ich auf der Straße drehe, habe ich keine Angst. Warum auch? Wenn man mit Angst an die Sache rangeht, ist das nicht gut. Dann ist man ziemlich blockiert.

Die Politik spielte einst eine große Rolle in Ihrem Leben. Sie waren einige Zeit in der Hamburger Senatskanzlei tätig. Was ist passiert, dass Sie von der Politik ins Fernsehen gegangen sind?

Abdollahi: Ole von Beust ist damals gegangen. Ich habe Jura studiert und mein langes juristisches Praktikum in der Senatskanzlei gemacht. Dann bin ich dageblieben, weil es mir dort sehr gefallen hat. Man hat interessante Persönlichkeiten getroffen: Minister, Präsidenten, Könige, Botschafter. Irgendwann konnte ich mir vorstellen, in der Politik zu bleiben. Aber dann ist Ole gegangen und ich habe gemerkt, dass das ein ganz schön schwieriger Beruf ist. Wenn dein Chef geht, müssen alle anderen auch gehen.

Sie haben ja jetzt schon ein wenig verraten, für welche Partei Ihr politisches Herz schlägt, wenn Sie damals für Ole von Beust gearbeitet haben.

Abdollahi: Nein, mein Herz schlägt überhaupt nicht parteilich. Ich fand Ole selbst einfach super. Er war sehr konsequent in dem, was er gemacht hat. Hamburg war damals bereits 44 Jahre lang SPD-regiert. Und dann kam plötzlich einer von der CDU, den die Hamburger mochten. Er hat die Ärmel hochgekrempelt und die Stadt ein wenig verändert. Ich fand das großartig. Damals hat niemand die CDU gewählt, man hat Ole gewählt.

Poetry Slam, Politik, Fernseharbeit – eine bunte Mischung. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Abdollahi: Das weiß ich nicht. Alles, was ich mache, wird weitergehen. Es wird wahrscheinlich mehr werden. Ich möchte die Figur des Künstlers nicht aufgeben, weil ich mich nicht auf eine Sache beschränken kann. Ich könnte mich nicht zurückziehen und eine einzige Talkshow im Fernsehen moderieren. Irgendwann würde ich mich langweilen.

Es gibt für 1,99 EUR ein Autogramm von Ihnen bei „eBay“. Wie viel würden Sie für Ihr eigenes Autogramm ausgeben, wenn…

Abdollahi: Gar nichts. Null.

… Wenn Sie nicht Michel Abdollahi wären.

Abdollahi: Mehr als 1,99 EUR würde ich nicht ausgeben. Man kann mich anrufen, dann bekommt man eins.
Ich habe sowieso keine richtige Unterschrift. Ich unterschreibe nur mit meinem Vornamen und jedes Mal irgendwie anders. Ich weiß, dass das bei Kennedy genauso war. Deshalb habe ich mir gedacht: Wenn Kennedy keine Unterschrift hatte, dann habe ich eben auch keine!

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