Soziale Netzwerke haben die Art und Weise unserer Kommunikation grundlegend verändert. Aber welche Auswirkungen haben sie auf unsere Beziehungen? Sie setzen Frauen unter Druck und lassen Männer die Damenwelt anders wahrnehmen, meint die Rapperin Eunique Berkeley.

Gastbeitrag | Kommentar
Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels, des schnellen Fortschritts. Alles, was passiert – ganz unabhängig davon, ob objektiv von großer Bedeutung oder nicht – wird direkt geteilt und von Freunden und Freundesfreunden gesehen. Daraus resultieren ein riesiges Netzwerk aus vermeintlichen Bekanntschaften und ein Stream, der uns nahezu erschlägt.

Soziale Netzwerke dienen uns zur Vernetzung, der unkomplizierten, schnellen Kommunikation. Aber welchen Einfluss haben diese Netzwerke eigentlich auf unsere Beziehungen – vor allem auf die zwischen Männern und Frauen? Die Einschlagskraft scheint uns nicht richtig bewusst zu sein.

Beziehungen halten nicht mehr wirklich lange, das Vertrauen dem Partner gegenüber sinkt stetig und Missverständnisse entstehen schneller als gewöhnlich. Warum? Weil jeder von uns die Möglichkeit hat, jeden nahezu jederzeit zu erreichen. Ganz unabhängig davon, ob daraus ein Kontakt entsteht oder nicht. Die prinzipielle Möglichkeit ist einfach gegeben. Jeder von uns hat also automatisch ein gewisses Spektrum an Optionen und genau dieses sorgt dafür, dass wir das, was sich in unserer unmittelbaren Umgebung befindet, nicht mehr richtig wahrnehmen. In der sogenannten „Internet-Generation“ hat man es eben nicht leicht.

Ich sehe ständig andere Frauen und vergleiche mich mit ihnen, orientiere mich an dem, was sie tragen, wie sie sich geben. Ich richte mich sogar nach ihren Vorstellungen von perfekten Augenbrauen. Und der Wahn hört bei den Fingernägeln der topgestylten Tumblr-Models nicht auf. Ich mache einen Termin im Nagelstudio. Da fällt mir ein, dass ich noch meine Haare machen muss. Wo sind meine Extensions?

Über die Autorin: Eunique Berkeley  ist eine in Hamburg geborene Künstlerin. Innerhalb kürzester Zeit erlangte sie auf ihrer „Facebook“-Seite über 21.000 Likes. Ihre selbstgeschriebenen Raptexte thematisieren in erster Linie Frauen in der heutigen Gesellschaft.

Plötzlich möchte ich auch in den Genuss jener Aufmerksamkeit kommen, die ich den jungen Frauen auf den Blogs, die ich mir anschaue, zuteil werden lasse. Ich kann mir das Leben anderer angucken und mich inspirieren lassen. Und den Lifestyle meines Vorbildes anpreisen – in jeglicher Form. Durch ein Like zum Beispiel. Daumen hoch für ihre Figur, aber auch für ihr Oberteil. Sie fährt übrigens ein schickes Auto. Ich bewundere ihr Make-Up, das sie trägt. Von dem Po, den sie trainiert, mal ganz zu schweigen. All das möchte ich auch haben. Das einzige Problem ist, dass ich dafür arbeiten oder einfach einen reichen Mann finden muss. Klingt doch logisch, oder?

Deshalb fühlen sich viele Frauen von Männern angesprochen, die man als „Investoren“ bezeichnen kann – oder die einfach nur gut aussehen und als Accessoire der Dame fungieren. Viel Raum für eine ernsthafte Beziehung, in der es vorrangig um Ehrlichkeit, Zweisamkeit und gegenseitige Unterstützung geht, bleibt da nicht.
Der im Netz durch Hashtag verbreitete Vorsatz à la „selbst ist die Frau“ – #wastehistime – führt dazu, dass die Frau immer mehr geld- und karrierefixiert wird. Sich nach einem Mann für eine Beziehung umzuschauen, wird unwichtig.
Deshalb nehmen Männer plötzlich Frauen, die extrovertierter sind, eher als etwas Negatives wahr. Es ist ihnen, einfach gesagt, „zu viel“. Zu viel Schminke, zu wenig Kleidung und zu viel Selbstvertrauen. Die möchte sowieso nur ihren Lifestyle auf „Instagram“ präsentieren. Für eine Beziehung ist sie nicht zu gebrauchen.

Aus diesem Grunde fällt das Augenmerk des Mannes auf die zurückhaltende Frau. Die, die unscheinbar ist, sich eben nicht zu viel schminkt (wenn sie es denn überhaupt tut), und ihre Weiblichkeit unter einem Pullover versteckt anstatt ihre Kurven in einem engen Jersey-Kleid zu präsentieren. Unterbewusst ziehen Männer es vor, mit einer Frau etwas Ernstes aufzubauen, die ihre Lebenseinstellung und ihre Ziele kaum bis gar nicht in ihrem „Facebook“-Profil nach außen trägt. Frei nach dem Motto: Weniger ist mehr.

Und Männer, die in einer Beziehung sind, neigen dazu, durch den „Zuwachs“ an Fotos von Frauen auf ihren Social Media-Timelines ihre eigene Beziehung nicht mehr richtig ernst zu nehmen. Was soll denn auch schon dabei sein, wenn er ein Bild von einer anderen Frau liket? Zwar finden sie es bescheuert, dass die Frauen so oberflächlich geworden sind und sich immer selbst darstellen müssen, aber ein Like für die hübsche Frau darf es dann doch sein. Selbstdarstellung verachtet Mann zwar, aber nicht den netten Hintern.

Die „Liebesgeschichte 2016“ beginnt mit einem Like und einem Like zurück, danach folgt oberflächliches Geschreibe bis es von der einfachen Privatnachricht auf die WhatsApp-Nachricht übergeht. Entweder das Ganze verwandelt sich in ein sexorientiertes Gespräch, bei dem meistens der Mann nach Nacktbildern fragt – oder das erste Date wird besprochen.
Hier beginnt es schon schwierig zu werden. Was das Mädchen erwartet, ist irgendetwas Aufregendes, etwas Ausgefallenes und Romantisches vielleicht. Sie möchte sich besonders auf ihr erstes Date vorbereiten, kauft sich vielleicht sogar deswegen noch schöne Schuhe. Er möchte eigentlich nicht mehr als mit ihr zu schlafen, weil ihre Proportionen ansprechend sind. Sie hat die Hoffnung, dass er nicht ist wie die anderen und nur auf ihr Äußeres fixiert ist.

Der Abend des Treffens steht bevor und er entscheidet sich dafür, ihr zwei Stunden vorher zu schreiben, dass man es sich doch lieber gemütlich machen könne. Zuhause. Sie denkt sich: „Nein, nicht schon wieder so einer. Warum gibt sich keiner so richtig Mühe?“, aber geht dennoch mit der Hoffnung zum Date, dass es übertrieben süß werden könnte und man ein wenig kuschelt.
Stattdessen geschieht das „Netflix-and-chill“-Phänomen, welches allerdings auch schon vor Netflix existierte. Man redet also kurz über Gott und die Welt, legt sich ins Bett und guckt gespannt die ersten zwanzig Minuten des Filmes. Was darauf folgt, ist nach dem Film nicht mehr der Rede wert. Er hat sein Ziel erreicht und kann seine Aufmerksamkeit auf die nächste Frau lenken – und sie fühlt sich meistens ausgenutzt. Und so geht der Kreislauf weiter bis man ihn oder sie gefunden hat. Meistens muss hierfür aber ein kleines Wunder geschehen. Ist das passiert, folgt eine Reihe gemeinsamer Snaps von den gemeinsamen Unternehmungen in der Beziehung bis einer von beiden sich dazu hinreißen lässt, einer/einem anderen zu schreiben und vielleicht heimlich – wenn der Partner nicht da ist – zu facetimen.

Nach dem Ende einer zweijährigen Beziehung, glättet sie sich ihre Haare, macht Sport, erstellt einen neuen „Instagram“-Account, sammelt 5.000 Follower und profiliert sich durch ihre „Gefällt mir“-Angaben, um ihm zu zeigen „Hey, war schön mit dir, aber ich habe Optionen und mach mein Ding. Und du bist ein Arschloch und wirst ganz sicher keine besondere Rolle mehr in meinem Leben spielen.“ Daraufhin ist er der Meinung, Schönheit wäre sowieso überbewertet und alle Frauen seien gleich. Wohin das alles führt: Einfach ein paar Absätze nach oben scrollen.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo das alles noch hinführen soll, aber für tiefgründigere Gespräche und die wahre Liebe scheinen wir alle nicht mehr die Zeit oder das Vertrauen zu haben. Vielleicht werden ja irgendwann die Normen geändert und die goldene Hochzeit wird nach acht Jahren gefeiert. Das wäre zumindest realistischer als fünfzig Jahre mit einer Person zu verbringen, oder?

Mein Handy klingelt. Ich würde gerne weiterschreiben, aber wie ich sehe, habe ich gerade eine Privatnachricht bekommen und muss mich jetzt leider verabschieden.

Kommentar: Beiträge, die mit dem Wort „Kommentar“ gekennzeichnet sind, geben ausschließlich die Meinung des/der Autors/in wieder, nicht die von JUNGPUBLIK.

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