Fabian Wichmann: „Es ist anstrengend und widerlich, tagtäglich all den Hass lesen zu müssen“

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Fabian Wichmann: „Es ist anstrengend und widerlich, tagtäglich all den Hass lesen zu müssen“

Dieses Interview wurde am 13.04.2016 auf der alten Internetseite von JUNGPUBLIK veröffentlicht und befindet sich seit dem 18.09.2017 im Archiv. Im Text ehemals eingebettete Fotos und Videos sowie Verlinkungen auf Posts in sozialen Netzwerken könnten aus technischen Gründen fehlen. Der Interviewtext ist vollumfänglich unverändert.

Der Hass auf „Facebook“ ist allgegenwärtig und schießt einem entgegen, sobald man sich in die Kommentarspalten von Artikeln und „Facebook“-Seiten wagt. Bei der Masse der Verunglimpfungen fällt es schwer, damit umzugehen und es wird fast undenkbar, dass der Hass schnell verschwindet.
Fabian Wichmann und sein Team von „HassHilft“ haben einen Weg gefunden, der Sintflut ein wenig entgegen zu treten und Hasskommentare doch noch ein Stück weit in etwas Gutes umzuwandeln. Im Interview mit JUNGPUBLIK erzählt Wichmann von der Idee hinter dem Projekt und wie man mit Hasskommentaren umgeht.

 

JUNGPUBLIK: Das Video über Ihre Aktion „Rechts gegen Rechts“ hat über 1,5 Millionen Klicks auf YouTube. Wie kam es damals zur Idee dieses unkonventionellen „Spendenlaufes“?

Fabian Wichmann: Die Idee ist eigentlich nebenbei entstanden, nach einer Aktion im Jahr 2011. Wir haben damals zweihundertfünfzig T-Shirts produziert, auf denen „Hardcore-Rebellen – National und frei“ stand. Wir ließen die T-Shirts über einen Strohmann auf Europas größtem Rechtsrock-Festival verteilen. Nach dem Waschen wich die ursprüngliche Bedruckung auf dem T-Shirt der Botschaft „Was dein T-Shirt kann, kannst Du auch.“ Danach haben wir überlegt, was man noch machen könnte. Wir wollten versuchen, auf die Straße zu kommen und unseren Protest an die fremdenfeindlichen Demonstranten heranbringen. So kam es zu der Initiative „Rechts gegen Rechts“.

Haben die Demonstranten vor Ort direkt auf Ihre Spendenlauf-Idee reagiert?

Wichmann: Nein, eigentlich nicht. Trauermärsche sind mit einer bestimmten Etikette verstehen. Es darf nicht geredet, gelacht, getrunken oder geraucht werden. Es darf auch nicht auf Provokationen von Außen reagiert werden. Es kamen nur vereinzelt böse Blicke, aber wir sind nicht offensiv angegriffen worden.

Wie kam es dann zu der Idee „HassHilft“?

Wichmann: Wir haben länger an der Idee überlegt und daran gearbeitet. Der Auslöser war damals das Foto des ertrunkenen Jungen, der am Strand lag. Auf einschlägigen rechtsextremen Seiten freute man sich darüber, es wurde sich darüber lustig gemacht. Dadurch ist deutlich geworden, welch ein Hass in Kommentaren stecken kann. Wir wollten gleichzeitig der mangelnden Unterstützung von Flüchtlingsheimen entgegenwirken und unsere generelle Arbeit gegen Rechtsextremismus fördern. So kam es zur Idee, Hasskommentare in Hilfe umzukehren.

Fabian Wichmann ist Mitarbeiter im „Zentrum Demokratische Kultur“ (ZDK). Er ist dort in der Ausstiegshilfe und im Social-Media-Management tätig. Neben Publikationen und Analysen in den Bereichen Rechtsextremismus und Demokratiegefährdung entwickelte er die vielfach prämierten Initiativen „Rechts gegen Rechts“ (2014) und „HassHilft“ (2015).
EXIT-Deutschland ist eine von Diplom-Kriminalist und Ex-Kriminaloberrat Bernd Wagner und Ex-Neonaziaktivist Ingo Hasselbach gegründete Initiative, die seit dem Jahr 2000 für Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Das Projekt HassHilft“ bezeichnet sich selbst als „die erste unfreiwillige Online-Spenden-Aktion“. Für jeden Kommentar mit menschenverachtendem Inhalt wird 1 Euro gespendet. Die Gelder kommen Flüchtlingsprojekten der „Aktion Deutschland Hilft“ und der Initiative „EXIT-Deutschland“ zugute.

Hat die Anzahl der Hasskommentare seit dem Start des Projektes zugenommen?

Wichmann: Das ist schwer zu sagen, gefühlsmäßig schon. Die Anzahl ist aber immer abhängig von den tagesaktuellen Themen und davon, welche Schlagzeilen es in den Medien gibt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es einigen Medien oft nur darum geht, Traffic zu genieren. Es wird bewusst in Kauf genommen, mit bestimmten Titeln die Reichweite von Beiträgen zu erhöhen. Da kann man eigentlich schon absehen, dass es zu Hasskommentaren kommt.

Wie häufig kommt das vor?

Wichmann: Es ist schon so, dass bestimmte Medien dazu prädestiniert sind, entsprechende Artikel so zu platzieren und zu bewerben, dass sie kommentiert werden.

Damit spielen Ihnen diese Medien ja gerade in die Karten…

Wichmann: Die Idee „HassHilft“ ist ja eher aus der Not entstanden; aus dem Umstand, dass es Hass gibt. Wir freuen uns nicht über die Kommentare. Es ist schon anstrengend und widerlich, diesen Hass tagtäglich lesen zu müssen. Natürlich wären wir froh darüber, wenn es ihn nicht geben würde. Aber er ist da und wir müssen schauen, wie wir damit umgehen.

Einige Menschen setzen sich dafür ein, dass man im Internet nur noch mit Klarnamen kommentieren darf. Würde das etwas ändern?

Wichmann: Ich denke nicht. Die Situation ist ja so, dass viele Hasskommentatoren mit ihren Klarnamen schreiben. Die Hemmschwelle ist stark gesunken.

Auch Ihnen gegenüber?

Wichmann: Es kommt vor, dass wir beleidigt werden – auf „Facebook“ in den Kommentaren, per privater Nachricht oder dass sich mal etwas auf dem Anrufbeantworter findet. Selten wird mit körperlicher Gewalt gedroht.

Hat sich schon einmal jemand für einen Hasskommentar entschuldigt?

Wichmann: Das kommt ganz selten vor. Es gibt Administratoren von „Facebook“-Seiten, die sich ein konservativ-bürgerliches Image geben und „Leichtsinnskommentare“ wie „Ab in die Gaskammer!“ löschen. Diese Seiten spielen mit rechtsextremen Vorstellungen, solche Kommentare schaden ihnen aber natürlich, weil sie dadurch demaskiert werden. Deshalb werden manchmal Kommentare von Seitenadministratoren gelöscht, nachdem wir auf einen Hasskommentar hingewiesen haben.

Wäre es nicht ratsamer, wenn soziale Netzwerke Hasskommentare einfach konsequenter löschen würden?

Wichmann: Es gibt ja eine große Debatte über die Löschkultur sozialer Netzwerke.
Soziale Netzwerke entscheiden anhand bestimmter Kriterien, ob ein sogenannter Hasskommentar vorliegt und sie ihn schließlich löschen. Man muss sich Gedanken darüber machen, ob man durch Löschungen womöglich manchmal zu sehr in Diskussionen eingreift und damit andere Positionen und Meinungen einfach unterbindet. Das wäre kontraproduktiv.
Es geht uns darum, ein Signal zu setzen. Die Forderung nach Gaskammern und Gewaltfantasien fallen eben nicht in den Bereich der freien Meinungsäußerung. Das wird von den Hasskommentatoren aber häufig reklamiert. Mit vielen Kommentaren werden Rechtsbrüche begangen – und wenn wir darauf hinweisen, wird uns Willkür unterstellt. Das ist zuweilen schon absurd.
Es geht sogar soweit, dass uns manchmal Zensur vorgeworfen wird. Wir zensieren aber nicht, wir lassen ja den Kommentar stehen und weisen nur darauf hin, dass es sich um Hass handelt.

Wie oft erstatten Sie Strafanzeigen wegen strafrechtlich relevanter Inhalte?

Wichmann: Das kommt regelmäßig vor. Wir stimmen uns immer mit den Nutzern ab, die uns auf die Hasskommentare aufmerksam machen. Das liegt auch daran, dass wir nicht die Ressourcen haben, alle Kommentare auf ihre strafrechtliche Relevanz zu prüfen und gegebenenfalls Strafanzeige zu erstatten.
Die Justiz wird aber auf lange Sicht mit der Anzahl überfordert sein. Ich denke, dass da mehr Ressourcen von Nöten sein werden. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob es eine Option geben sollte, die Möglichkeit einer Strafanzeige in die sozialen Netzwerke zu integrieren. „Facebook“ könnte dann eine Vorprüfung vornehmen und die Justiz stellenweise entlasten.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie nichts gegen „PEGIDA“ machen, weil der Rechtextremismus dadurch relativiert werden würde. Aber sind nicht gerade Organisationen wie „PEDGIA“ gefährlicher als die Klischee-Rechtextremisten?

Wichmann: Wir haben jetzt Anfragen gehabt, „Rechts gegen Rechts“ in Dresden, bei einer „PEGIDA“-Demonstration, zu machen. Das Instrument „Rechts gegen Rechts“ zielt darauf ab, dass die Gruppe ganz klar rechtsextrem ist und sich auch als solche versteht.
Das Problem ist, dass ich bei Gruppen wie „PEGIDA“, wo es solche und solche gibt – also normale Bürger, aber auch organisierte Neonazis – durch die Aktion alle zu Neonazis mache. Deshalb haben wir uns entschieden, „Rechts gegen Rechts“ bei „klassischen Neonazis“ einzusetzen. Die Menschen, die bei „PEGIDA“ mitlaufen, haben sicher zum Teil Einstellungen, die mit den rechtsextremen Meinungen übereinstimmen. Aber nicht alle PEGIDA Teilnehmer sind in rechtsextremen Strukturen organisiert und gewaltbereit gegenüber Fremden oder politischen Gegnern. Deswegen ist es wichtig, ein Stück weit zu differenzieren. Nicht jedes Instrument der politischen Auseinandersetzung ist auf jede Gruppe übertragbar.
Wir können nicht von anderen eine differenzierte Perspektive fordern und gleichzeitig alle in eine Schublade stecken.

Merkt man denn bei den Kommentaren auf „Facebook“ den Unterschied zwischen verschiedenen Gruppierungen?

Wichmann: Bestimmte Nutzer kann man aufgrund der Sprache, die sie verwenden, bestimmten Gruppen zuordnen. Wenn beispielsweise Begriffe wie „Invasoren“ benutzt werden, erkennt man ideologische Nähen. Bei anderen Nutzern entstehen Kommentare aus einer Affektsituation heraus. Beispielsweise dann, wenn ein bestimmtes Unrecht geschehen ist, wie in der Silvesternacht in Köln.
Die Grenzen sind nicht immer einfach zu ziehen. Wir gucken uns deshalb das ein oder andere Profil an, um die Gruppen klarer auseinander halten zu können. Grundsätzlich lässt sich aber schon sagen, dass die Unterschiede gut erkennbar sind.

In einem Interview wurden Sie auf den „Prangereffekt“ von „HassHilft“ hingewiesen. Stellen Sie Menschen bewusst an den Pranger oder weisen Sie sie nur auf ihre Kommentare hin?

Wichmann: Diese Frage haben wir relativ früh diskutiert. Die konkrete Frage lautete, wie wir mit den Namen der betreffenden Nutzer umgehen wollen. Wir haben uns dazu entschlossen, die Namen zu schwärzen, die Kommentare aber zu veröffentlichen. Wir prangern also den Hass an, machen auf ihn aufmerksam – aber wir prangern nicht die Personen an. Den Nutzer ins Zentrum zu rücken, hat keinen Mehrwert. Die „BILD“-Zeitung hat mit ihrem „Pranger der Schande“ zwar vor Kurzem vor Gericht Recht bekommen, aber für uns ist das Ganze auch eine moralische Frage.

Wie wird es mit „HassHilft“ weitergehen? Wie ist Ihre Einschätzung?

Wichmann: Das kann ich nicht sagen. Klar ist, dass wir weitermachen, solange wir Hasskommentare lesen und dadurch Spenden generieren können. Und solange wir die psychische Stabilität dazu haben. (lacht)
Ich denke aber, dass es früher oder später die ein oder andere technische Veränderung geben wird, was die Löschung von Hasskommentaren betrifft.
„Facebook“ ist nicht der Ort, an dem Hass entsteht, sondern die Realität. „Facebook“ ist bloß das Medium, in dem der Hass kundgetan wird. Wenn „Facebook“ vernünftig administriert wird, bedeutet das längst nicht, dass der Hass aus unserer Gesellschaft verschwunden ist. Der ist weiter da.

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