Axel Petermann: „Ich denke, jeder Mensch kann töten“

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Axel Petermann: „Ich denke, jeder Mensch kann töten“

Dieses Interview wurde am 06.04.2016 auf der alten Internetseite von JUNGPUBLIK veröffentlicht und befindet sich seit dem 18.09.2017 im Archiv. Im Text ehemals eingebettete Fotos und Videos sowie Verlinkungen auf Posts in sozialen Netzwerken könnten aus technischen Gründen fehlen. Der Interviewtext ist vollumfänglich unverändert.

Axel Petermann ist auf Lesetour. Gegen 22.00 Uhr packt er die Schaufensterpuppe ein, die er zuvor auf den Boden gelegt hatte. Er habe einen kleinen Tatort aufgebaut, erzählt er seinem Publikum. Eine Frau sei umgekommen. Neben ihr liegt ihr rechter Stöckelschuh, um sie herum Blumen und Glasscherben. Petermann verstaut die Schaufensterpuppe auf dem Rücksitz seines Autos, wir gehen in ein kleines Dorflokal. Es ist relativ laut und ein eigenartiger Ort für ein Interview. Alle anderen Lokale haben aber geschlossen. Petermann bestellt ein stilles Wasser. Der 63-jährige Profiler spricht langsam, ruhig, angenehm. Er müsse morgen früh nach Berlin, sagt er. „Eine Stunde Interview? Schaffen wir das?“

 

JUNGPUBLIK: Herr Petermann, Sie sind Fallanalytiker oder auch Profiler. Was machen Sie genau?

Axel Petermann: Als Fallanalytiker versuche ich herauszufinden, was bei einem Verbrechen geschehen ist. Ich schaue mir an, welche Entscheidungen der Täter getroffen hat. Dafür analysiere ich zum einen den Tatort und zum anderen das Opfer, samt seiner Verletzungen, aber auch seiner Persönlichkeit. Ich rekonstruiere das Verbrechen und versuche dem Realen so nah wie möglich zu kommen, um anschließend das Motiv des Täters zu bestimmen. Mein Ansatz ist ganz einfach: Wenn ich den Tatablauf und das Motiv kenne, dann sollte es auch möglich sein, etwas zur Persönlichkeit des Täters zu sagen.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Der Profiler“, es gäbe wenig Akzeptanz für Ihren Beruf und Sie hätten das Gefühl, nicht immer bei Kollegen beliebt zu sein. Warum ist das so und wodurch wird das deutlich?

Petermann: Zu allererst ist es immer schwierig die Arbeit von anderen zu bewerten. Am liebsten wäre es ihnen, wenn sie ihre Ergebnisse bestätigt bekämen. So hat es lange gedauert bis die Ermittler überhaupt bereit waren, das, was wir gemacht haben, mit in ihre Ermittlungsarbeit aufzunehmen. Es war sicher schwierig für sie, andere Meinungen zu akzeptieren, weil sie sich sehr intensiv mit den Taten auseinandergesetzt hatten und man somit ein Stück weit ihre Arbeit in Frage stellte, indem man andere Ansätze verfolgte. Heute hat es sich zwar gebessert, aber ich merke immer noch, dass gegenüber den Methoden der Fallanalysen Skepsis herrscht.

Sie schreiben, dass es öfter hilfreich gewesen wäre, wenn man Sie direkt zu Ermittlungsbeginn mit einbezogen hätte. Wann kommen Sie denn normalerweise ins Spiel?

Petermann: Ursprünglich war es geplant, für lang zurückliegende Verbrechen Analysen zu machen, um noch einmal neu anfangen zu können, bei sogenannten „Cold Cases“. Heute läuft es schon besser. Wir werden früher mit ins Boot geholt und können neue Impulse geben. Die Mordkommission muss meist „auf der Spur“ arbeiten, also das Naheliegendste verfolgen und kann somit rechts und links von der Spur nicht so viel ausfüllen. Da ist unsere Arbeit besonders wertvoll, weil wir uns eben auf alles konzentrieren können.

Axel Petermann ging damals in den Polizeidienst, weil er dem Wehrdienst entgehen wollte. Ein Kriminalistik-Dozent weckte jedoch sein Interesse an der Verbrechensaufklärung. Er ließ sich zum Kommissar ausbilden und war Leiter der Mordkommission und stellvertretender Leiter im Kommissariat für Gewaltverbrechen. Im Jahre 2000 begann er mit dem Aufbau der Dienststelle “Operative Fallanalyse”. Seit 2014 ist er pensioniert. Seitdem geht er ungeklärten Verbrechen im Auftrag der Angehörigen von Opfern nach. Sein Buch „Der Profiler“ ist bereits sein drittes Werk.

Die Tätigkeit des Fallanalytikers gibt es in Deutschland erst seit ca. 15 Jahren. Wo lagen die genauen Anfänge?

Petermann: Die Tätigkeit des Fallanalytikers besteht meiner Meinung nach nun eben genau diese 15 Jahre. Das BKA ist der Meinung, dass es erste Forschungsaktivitäten seit den frühen 1980er Jahren gab. Ich denke jedoch, dass das eine andere Herangehensweise war. Ganz frühe Anfänge gab es in Berlin, in den 20er-Jahren, als der Serienmörder Peter Kürten eine beispiellose Mordserie verübte und der Kommissar Ernst Gennat als Erster systematisch Verbrechen analysierte.

Sie sagen, Sie wären eher zufällig bei der Polizei gelandet. Was wären Sie sonst geworden?

Petermann: Ach, das weiß ich nicht. Ich hatte wirklich keinen Plan. Heute würde ich sagen, ich wäre vielleicht Rechtsmediziner geworden oder irgendwie im psychologischen Bereich gelandet. Es war jedoch ein absoluter Glücksfall, dass ich dem Militärdienst entgehen wollte und so zur Polizei kam. Ich kann mir heute nichts besseres vorstellen.

Ein Fall aus dem Jahr 1971, wo ein junges Mädchen erst vergewaltigt und anschließend getötet wird, hat Sie bei der Polizei gehalten. Warum?

Petermann: Ja, dieser Fall gab auch den Ausschlag, am Ende zur Mordkommission zu gehen. Es war der erste Fall, bei dem ich an einem Tatort dabei sein und nach Spuren suchen konnte. Das war damals in Bremen das Verbrechen schlechthin, überall wurde darüber berichtet. Auch mein damaliger Dozent für Kriminalistik sprach sehr eindringlich über den Fall, was mich zutiefst beeindruckt hat. Die gesamte Berichterstattung war ganz anders als heutzutage. Wenn ich mich zurückerinnere wie detailliert die Presse damals berichtete… Es gab keine Scheu, Opfer und Täter unverpixelt abzudrucken, auch wenn es noch keine handfesten Beweise gab. Der Fall als Ganzes hat mich unfassbar fasziniert. Diesen Fall wollte ich aufklären.

Wenn Sie in Ihrem Buch berichten, wie Sie die alten Fälle aufrollen, hat man oft das Gefühl, dass immer wieder Ermittlungsversagen vorliegt und dass Sie deutlich gründlicher arbeiten als die Ermittler selber. Würden Sie sagen, dass es zu vielen Ermittlungsfehlern kommt?

Petermann: Ich erlebe das immer wieder. Es gibt zum Teil abenteuerliche Herangehensweisen bei der Spurensuche und den Schlussfolgerungen. Immer wieder verschwinden wichtige Beweismittel oder die gesamte Ermittlung hat nicht sauber gearbeitet. Da frage ich mich schon, wo der kriminalistische Sachverstand geblieben ist. Aber auch: Soll da Unvermögen vertuscht werden oder ist es nur Schlampigkeit? Oder gibt es gar andere Interessen?

Sie versuchen immer nüchtern an Fälle heranzutreten, Ihre ermittlerische Distanz zu wahren. Gelingt das immer?

Petermann: Ich glaube, ich bin da ganz gut drin. Ich kann das Emotionale beiseite schieben und mich nur auf das Sachliche konzentrieren.

Fällt das mit der Zeit leichter?

Petermann: Ja. Meine Gefühle sind meist nicht sehr ausgeprägt, da ich mir das Leid der Opfer nicht vorstellen will, wenn sie merken, dass das Sterben unausweichlich wird. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich die Gefühle anderer nicht ernst nehme, aber ich muss sie mir nicht zu meinen eigenen machen.

Sie hatten auch Misserfolge in Ihrer ermittlerischen Tätigkeit. Wie geht man damit um?

Petermann: Schlecht. Es wurmt mich, wenn ich eine Tat nicht aufklären kann oder der Falsche verdächtigt wurde. Bei einem älteren Fall bin ich jahrelang davon ausgegangen, den richtigen Täter zu haben, der aber glücklicherweise nur wenige Wochen in Untersuchungshaft saß, weil es Gutachten mit falschen Ergebnissen gab. Bis dann zwanzig Jahre später die DNA-Analytik so weit war und eine Spermaspur analysieren konnte, die uns auf den wahren Täter brachte. Das ist schon der kriminalistische Supergau.

Ist Ihretwegen schon einmal jemand falsch verurteilt worden?

Petermann: Der Mann war kurz davor, aber sonst habe ich das nicht erlebt. Bei ihm habe ich mich auch entschuldigt und einen Präsentkorb vorbeigebracht.

Woraus ziehen Sie die Motivation für Ihre Arbeit?

Petermann: Einmal ist es die Sache selbst, das Verbrechen als solches. Wer hat es getan? Was ist das Motiv? Warum ist gerade dieser Mensch zum Opfer geworden? Es ist eine Herausforderung. Ein Rätsel, das gelöst werden muss. Das bin ich den Angehörigen und Opfern schuldig. Auch die Würde des Opfers muss bewahrt bleiben oder wieder hergestellt werden. Der Tod darf nicht vergessen werden. Eine Tat muss aufgeklärt werden und es muss für Schutz gesorgt werden, damit manche Menschen nicht nochmal ein Verbrechen begehen können.

Sie sind pensioniert, sind aber als Privatermittler tätig. Inwiefern sind Ihre Ermittlungsergebnisse von der Polizei überhaupt verwertbar?

Petermann: Wir tauschen uns aus, ich gebe das Wissen weiter und die Ermittler überprüfen das noch einmal für sich. Ich kann auch als Sachverständiger oder Zeuge agieren.

Es gibt einige Mörder, die bisher noch nicht von der Polizei gefasst wurden. Macht Ihnen das Sorgen?

Petermann: Es gibt viele Taten, die aus der Situation heraus entstehen, vor allem mit familiärem Hintergrund. Da ist die Chance für eine Wiederholungstat relativ gering. Bei anderen Tätertypen muss man Angst haben, dass sie wieder töten könnten. Das bereitet mir wirklich Sorge.

Gibt es Ihrer Ansicht nach das Böse – oder kommt das Böse aus dem Menschen, der tötet?

Petermann: Also ich denke, es gibt auf jeden Fall böse Taten, aber nicht jeder der das tut, muss per se böse sein. Ich habe nur ganz wenige wirklich böse Menschen kennengelernt.

Um Ihre Ermittlungsmethoden auszureifen haben Sie sich mit einigen Tätern persönlich in der Haft getroffen. Bilden sich im Laufe der Gespräche Sympathien zum Mörder?

Petermann: Ich denke mal, das ist eine professionelle Begegnung. Der Täter hat Vorteile, wenn er mit mir über das Verbrechen sprechen kann. Das kann er meistens nicht, denn einen anderen Menschen zu töten ist ja nichts, worauf man stolz sein kann. Ich interessiere mich für die Motivation seiner Tat. Ich spreche dort eine klare Sprache und beschönige nicht seine Tat und sein Verhalten.

Wie oft haben Sie Alpträume?

Petermann: Ganz, ganz selten. Ich kann mich gar nicht so richtig an einen erinnern. Ich gehe aber mit den Bildern vom Tatort ins Bett und schrecke nachts hoch, weil mir etwas dazu einfällt. Das passiert mir aber auch am Schreibtisch.

Sie befassen sich tagein, tagaus mit dem Töten. Denken Sie, dass Sie zum Mörder werden könnten?

Petermann: Ich denke, jeder Mensch kann töten. Weil bestimmte Situationen ihn überfordern. Zum Mörder wird jedoch nicht jeder. Ich auch nicht.

Sie machen viele Selbstversuche, um den Täter besser einschätzen zu können. Beispielsweise hacken Sie toten Schweinen die Gliedmaßen ab, um eine Tat nachzuspielen. Macht das auch Spaß?

Petermann: Spaß macht es nicht. Es soll der Sache dienen und mir helfen, das Tatgeschehen zu rekonstruieren, um es zu verstehen.

In einem Interview sagten Sie, Sie seien aus Bremen ins Umland gezogen, um dem Klientel, welches mit Ihrem Beruf einhergeht, auszuweichen.

Petermann: Es war mehr meine Frau, die Distanz haben wollte. Als unser erstes Kind geboren wurde und wir draußen den Kinderwagen schoben, sprach uns immer die Mutter eines Mörders an. Meine Frau fand das nicht so toll. Vor allem wurde sie auch angesprochen, wenn sie alleine unterwegs war. Eines Nachts klingelte es bei uns an der Haustür und eine splitterfasernackte Frau stand davor. Eine Prostituierte, die Ärger mit einem Freier gehabt hatte und dann zu uns geflüchtet war, weil sie wusste, wo ich wohnte. Da hat es meiner Frau verständlicherweise gereicht.

Sie schreiben in Ihrem Buch von Internetforen, in denen einige Leute ihre eigenen Ermittlungsansätze präsentieren. Gibt es dort manchmal gute Denkansätze?

Petermann: Ich gucke dort sehr selten, muss ich ehrlich sagen. Ich bekomme auf Facebook oft Nachrichten von Menschen, die sich dem Verbrechen sehr nahe fühlen und dann als Hobbyermittler unterwegs sind. Ganz ehrlich, die klicke ich meistens weg. (schmunzelt)

Sie beraten den Bremer „Tatort“. Wie viel Wahrheit steckt am Ende in so einem Krimi?

Petermann: Schwer zu sagen.. Es hängt immer vom Plot ab. Häufig wird eine wahre Begebenheit herangezogen, aber viel künstlerische Freiheit gehört auch dazu. Manches sollte man zumindest nicht allzu ernst nehmen. Ich versuche beim Lesen der Drehbücher Realität in die Fiktion zu bringen.

Welcher Fall ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Petermann: Der Fall in der Tiefgarage. Ein junges Mädchen kommt nach Hause, der Täter wartet im Vorflur und sticht sofort auf sie ein. Sie versucht zu flüchten, aber es gelingt ihr nicht. Daraufhin bringt er sie in den Keller und öffnet ihr ganz weit die Kehle. Hausbewohner haben die Schreie mitbekommen und stören den Täter, der daraufhin flüchtet und spurlos verschwindet. Was mich wirklich beschäftigt hat, waren dann die Funde in einem 80 Meter entfernten Kellerraum. Die Spurensicherer stellten damals eine Plastiktüte, eine Gasmaske, Tape, Handschuhe und Gefrierbeutel sicher. Es stellte sich am Ende heraus, dass der Täter ein sadistischer Mörder war, der diese Accessoires einsetzen wollte, wäre er nicht von den Nachbarn gestört worden. Der Mörder hat übrigens nie gestanden. Bis heute behauptet er, die junge Frau hätte ihn angefallen, aber er hätte ohnehin keine Erinnerungen, weil er zum Tatzeitpunkt betrunken gewesen sei, Koks geschnupft hätte und auf einem LSD-Trip war. Er wurde aber schlussendlich verurteilt. Der Fall ist sehr präsent bei mir gewesen wie eigentlich alle Fälle, über die ich geschrieben habe. Das ist das, was ich in meinen Büchern erzählen will.

„Der Profiler: Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“,
304 Seiten, erschienen im Heyne Verlag, 9,99 EUR

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